Brunnenmarkt

Mischkost in der Vorstadt. Vom Orient ums Eck zum ältesten Heurigen Wiens.

ca. 1h 15m
5 km
U6-Station Josefstädter Straße
Heuriger 10er Marie, Ottakringer Straße 224, 1160
Termin eintragen

Buntes Treiben und orientalische Düfte auf einem Straßenmarkt, der seinesgleichen sucht. Biofisch, italienische Feinkost, Süß-Saures und hippe Lokale gleich nebenan. Und ein 16er-Blech am Würstelstand. Transkulturelle Kunst in einer ehemaligen Markthalle. Eine nächtliche ASusgehmeile in den alten Stadtbahnbögen, auf denen heute die U-Bahn fährt. Ein Lieblingscafé mit Kipferlfrühstück und Carambol. Weiter draußen Bierbrauen mit Tradition und kreativen Experimenten, auch im Selbstversuch. Alte Genussfabriken der Wiener Traditionsmarken. Ein Paradewohnbau des Roten Wien, Schauplatz eines Kunst- und Kulturfestivals, und eine rot-weiß gestreifte Badeanstalt mit Retrocharme. Der älteste Heurigen Wiens. Ein grüner Spaziergang mit Feinblick und Weinbegleitung.

Ilse König beschreibt im Buch “Wien für Fortgeschrittene”, erschienen im Jahr 2020 im Styria Verlag diese Tour durch Ottakring. Illustriert mit Fotos des Fotografen Christian Fürthner.
Das Buch beschreibt zahlreichewunderbare Spazierrouten durch ganz Wien.

Vorgeschmack - Lerchenfelder Gürtel

Am Lerchenfelder Gürtel, der schon zu den feineren Nachbarbezirken Josefstadt und Neubau gehört, haben sich in den Bögen unter der alten Stadtbahntrasse eine gute Handvoll trendiger Musiklokale angesiedelt. Die Stadtbahnbögen sind Ergebnis der Stadtplanung des 19. Jahrhunderts, entworfen hat sie, wie auch die Station, der Jugendstilarchitekt Otto Wagner. Für die zweite Ringverbindung um die Stadt, den Gürtel, "die Ringstraße des Proletariats" mit Volkswohnbauten statt Palais, war von vorneherein eine Bahn eingeplant gewesen, Sie trennt, zwischen die Fahrbahnen des Gürtels gezogen, die inneren Bezirke von der Vorstadt. Unter dem Viadukt herrschte vor dem Zweiten Weltkrieg buntes Leben: Cafés, Gewerbebetriebe, Stallungen für die Brauereipferde, dazu Gasthäuser in allen Stationen. Fritz Wotruba, einer der bedeutendsten österreichischen Bildhauer des 20. Jahrhunderts, hatte hier sein Atelier.

Jetzt, untertags, ist es ruhig hinter den Glasfassaden der Lokale. Richtig los geht es erst am Abend bis in die Nacht und den frühen Morgen hinein. Im Sommer auch in den Gastgärten vor den Lokalen. Der Lärm stört hier (fast) niemanden. Der vielspurige Gürtel ist eine der am meisten befahrenenen und lautesten Straßen in Wien.

Grundsteingasse

Gegenüber der Loop Bar biege ich in die Grundsteingasse ein, in den ältesten Teil von Ottakring. Das Haus auf Nr. 10, mit 300 Jahren auf dem Buckel das älteste Haus des Bezirks, ist jetzt das äußerst preisgünstige Hostel "Zum Goldenen kegel". Künstlerateliers, ein paar kleine Galerien und Kunstprojekte haben sich in der Grundsteingasse angesiedelt. Die Kunsttankstelle an der Ecke Kirchestetterngasse stellt Künstlerinnen und Künstlern Raum für Präsentationen, Lesungen und Ausstellungen zur Verfügung. Den Grundsteinhof, das zuckerlrosa Haus kurz vor der Brunnengasse, ließ der Besitzer der Ottakringer Brauerei 1898 für seine Brauarbeiter bauen. Das Brauhaus selbst liegt eine Viertelstunde zu Fuß entfernt. Ich gehe aber vorerst mal ums Eck in die Brunnengasse.

Der Orient ums Eck und ein bisschen bobo

Ein kleines Quiz: Welcher Wiener Markt ist, gemessen an den Besuchszahlen, der beliebteste? Die Antwort Naschmarkt ist falsch. De Brunnemarkt im 16. Bezirk hat ihm mittlerweile den Rang abgelaufen. Zu Recht. Der Naschmarkt liegt im Ranking nach dem Rochusmarkt nur mehr an dritter Stelle.

Der Brunnenmarkt ist kein Geheimtipp mehr, aber touristisch längst nicht so erobert wie der Karmelitermarkt oder eben der Naschmarkt. Mit seinen rund 160 Marktständen ist er Europas längster ständiger Straßenmarkt. Eine der "50 coolest neighbourhoods in the world", findet das britische Reisemagazin "Time out". Dennoch vorwiegend ein Markt für die Nahversorgung der Ottakringer Bevölkerung, fast zur Hälfte ausländischer Herkunft. Ein Orient ums Eck mit dem entsprechend bunten Angebot.

Brunnenmarkt

Ich tauche in die Dichte des Brunnenmarktes ein. Neben der üblichen Fischmarktware gibt es orientalische Spezialitäten und Stände mit Gebrauchstgegenständen. Entlang der Brunnengasse kleine Cafés, Bäckereien, Feinkostläden, Geschäfte, in denen Schmuck und etwas Ramsch verkauft wird, und ein Wettbüro für Sportwetten. Auch das eine oder andere größere Lokal, wie etwa das Kent mit türkisch-levantinischer Küche. Im riesigen Gastgarten sitzen alteingesessene türkische Familien, junges hippes Publikum und andere Wienerinnen und Wiener einträchtig zusammen. Hier treffe auch ich mich gerne mit Freundinnen und Freunden, die vor ein paar Jahren in die Gegend gezogen sind.

Vom Markt nehme ich als heutige Wegzehrung einen Sack wunderbarster Pflaumen mit. Am Trinkwasserhydranten kann ich sie waschen, nehme einen Schluck kühles Wasser und fülle meine Trinkflasche. Ich habe vor, etwas länger unterwegs zu sein, stärke mich sicherheitshalber an einem der orientalischen Stände, die auf Glutöfen Spieße, gefüllte Fladen, Sandwiches, köstlich gewürzt, produzieren. Wem mehr nach traditionell Wienerischem ist, empfehle ich einen Halt am 16er-Würstelstand nahe dem Yppenplatz. Hier gibt es Würstel jeder Art, Pferdeleberkäs!, aber auch Alt-Wiener Gulasch und Kümmelbraten. Garniert mit Wiener Schmäh.

Yppenplatz

In der Gegend des heutigen Brunnenmarkts gab es schon 1830 einen kleinen Markt, der sich über die Jahre und Jahrzehnte nach und nach ausbreitete, zuletzt bis hin zum nahtlos anschließenden Yppenplatz, auf dem die einzigen fest gemauerten Marktstände stehen. Kärntner Kasnudeln gibt es hier und im La Salvia ausgesuchte Spezialitäten aus dem Dreieck Friaul-Julisch Venetien, Slowenien und Istrien. Vom La Salvia beziehe ich, auf Bestellung, fangfrische Branzino aus Piran, eine Köstlichkeit! Vor dem Pavillion des Wiener Traditionsunternehmen Staud's mit seine Unzahl süßer und feinsurer Delikatessen drängt es sich. Ein touristischer Hotspot. Fortgeschrittene wissen, dass der Großteil der Produkte auch in Wiener Lebensmittelhandlungen zu finden ist. Ein Stück weiter in der Brunnenpassage, nutzt die Caritas Wien eine frühere Markthalle für ein international ausgezeichnetes interkulturelles Projekt. "Kunst für alle!", steht auf der bunten Fassade mit orientalischen Ornamenten und Ankündigungen in vielen verschiedenen Sprachen.

Richtung Yppenplatz haben sich nach der gelungenen Umgestaltung seit 2009 eine bei Jung und Alt beliebte Beisel-Szene etabliert. In alten Marktständen und den angrenzenden Häusern reiht sich Lokal um Lokal dicht aneinander, die meisten mit Schanigarten. Für jeden Geschmack ist etwas dabei, eine der ältesten Lokalitäten, der Club International mit dem Café C.I., wurde 1983 als niederschwelliges Vorzimmer einer Beratungseinrichtung für Zugewanderte gegründet.

Sommers wie winters sind die Lokale gut besucht bis überfüllt. Macht nichts, irgendwo findet sich immer ein Platz. Am besten einfach durchspazieren, schauen, wo man sich dazusetzen kann, oder ein Glasl Wein, ein Seidl oder sonst was im Stehen trinken, im Freien Wurzeln schlagen, plaudern, diskutieren und das Gewurl genießen, das ist Yppenplatz pur.

Gangsta und Genuss

Vom Yppenplatz gehe ich hinauf in die Ottakringer Straße, einer Mischung aus Einkaufsstraße und Fortgehmeile für die zweite und dritte Generation mit ex-jugoslawischen Wurzeln. Auf der Balkanmeile, wie sie Ansässige nenen, gibt es alle paar Meter Balkan-Cafés, - Clubs und -Diskotheken, Fitnessstudios, Bars und Restaurants. Und ein Ur-Wiener Lokal namens Blunzenstricker, ein Eldorado für Liebhaber der Blutwurst und ihrer diversen Zubereitungsarten.

Vor zwanzig Jahren galt sie als gefährlichste Straße von Wien, als Gangsta's Paradise mit hoher Kriminalität, alltäglicher Gewalt und Randalen nach Fußballspielen. Ausgerecht mit der Fußball-Europameisterschaft in Wien 2008 kam es zu einem Imagewandel: Die sich sonst in sportlicher Feindschaft gegenüberstehenden türkischen, serbischen und kroatischen Fußballfans aus Wien feierten in Ottakring gemeinsam mit den angereisten Fanclubs fröhlich miteinander, nicht auf der faden, teuren Fanmeile in der Innenstadt.

Samstagabend ist überall Balkan-Party, ein Ausflug in diese andere Welt ist mit Sicherheit ein Erlebnis. Ausprobieren lohnt sich allemal. Untertags bekommt man ein noch nicht runderneuertes, nicht gentrifiziertes typisches Vorstadtviertel zu sehen. Nicht herausgeputzt, aber auch nicht schäbig, durchaus sympathisch. Wieder ein anderer Teil von Wien. Zumindest ein Stück weit durchzugehen, ermöglicht neue Einblicke. Alternativ: mit dem 44er durchfahren bis zur Ottakringer Brauerei.

Wiener Tradition. Ottakringer Brauerei und mehr.

Ottakring ist die Geburtsstätte großer Wiener Traditionsprodukte. Ottakringer Bier! Meinl Kaffee! Manner Schnitten! Typically Vienna. An die Virginia, Kaiser Franz Josephs Lieblingszigarre, und die Dreier, die billigste filterlose Zigarette, ebenfalls in Ottakring erzeugt, erinnern sich nur mehr ältere Semester.

Die Ottakringer Brauerei ist eine jener Genussmittelfabriken, die sich nach der Eingemeindung des Bezirks um die Jahrhundertwende dort angesiedelt haben. Sie ist die letzte große unabhängige Brauerei Österreichs. Jährlich 490.000 Hektoliter Bier fließen aus ihren Kesseln. Hinein fließt Wasser aus dem hauseignenen, 118 Meter tiefen Brunnen und nicht aus der Wiener Hochquellleitung. Vorraussetzung dafür, dass das Bier "Ottakringer" heißen darf. Auf dem Gelände der Brauerei und in den historischen Räumlichkeiten finden in regelmäßigen Abständen Kunst- und Kulturevents, Flohmärkte, der FESCH`MARKT Wien - ein Marktfestival für Kunst und Design - und die jährlichen Braukultur-Wochen statt. Also Augen und Ohren offen halten oder bei einer der angebotenen Führungen teilnehmen. Im BrauWerk, angesiedelt in einem ehemaligen Melasse-Silo der Brauerei, werden "kreative Biere" gebraut, die Bezeichnung Craft Beer wird bewusst vermieden. Bei größeren und kleineren Brautagen lernt man viel über Bier und darf selbst Hand anlegen. Ich habe dabei insbesondere gelernt, das Bierbrauen vor allem geduldiges Warten erfordert, denn viele Handgriffe braucht es nicht. Zur Überbrückung der Warterei gibt es unzählige Gläser Bier zu verkosten.

Kaffeehauskultur, Waffeln und Kongressbad.

Unweit der Brauerei liegt ein Gustostückerl der Wiener Kaffeehauskultur, das Café Ritter. Nicht zu verwechseln mit dem Café Ritter an der Mariahilfer Straße. Beides Unikate, Letzteres überlaufen, das im Vorort weniger bekannt, hier kann man sich stundenlang unbehelligt mit seiner Melnage und dem obligaten Glas Wasser vergnügen. Auch mehreren Gläsern. Das Ritter wurde kürzlich, zum Glück nur dezent, renoviert, ein Kipferlfrühstück, Eiernockerl oder das Erdäpfelgulasch mit Budapester genießt man nach wie vor in einem Ambiente aus Wandmalereien, Stuckaturen, Jugendstillampen und Marmortischchen. An Billardtischen wird seit eh und je Carambol, die Wiener Variante des Billiards gespielt. Ein absoluter Lieblingsort.

Sportlich gehe ich nun über die Wichtelgasse dorthin, wo es schon von Weitem süß duftet. In einem riesigen Gebäudekomplex aus der Gründerzeit wird die "Neapolitaner Schnitte No. 239", als die sie 1898 erstmals im Sortiment aufschien, gebacken und gefüllt. In der rosa Packung mit dem genialen roten Aufreißfaden stecken mundgerecht geschnitten die Original Manner Schnitten: fünf Lagen zarter Waffelblätter, gefüllt mit vier Schichten feinster Haselnuss-Kakaocreme. Trost in allen Lebenslagen, süchtig machend. Die Packung muss auf einen Sitz gegessen werden, denn einmal geöffnet, verlieren die Waffeln ihre Knusprigkeit. Hervorragende Ausrede! Im Shop kann man sich mit preisgünstiger Bruchware eindecken. Ich nehme einen kleinen Vorrat mit, man kann nie wissen ...

Wer wie ich dorthin will, wo früher Kaffee geröstet wurde, fährt ab hier, besser mit der 2er von der nahe gelegenen Station Wilhelminenstraße, bis zur entlegenen Station Sandleitengasse. Dann sind es bloß noch fünf Minuten Fußweg bis zur 1912 errichteten Produktionsstätte des Kaffee- und Lebensmittelimperiums Julius Meinl. Davon ist heute nur mehr ein Teil übrig, das Stammhaus der Firma. Darin sind eine Kaffeerösterei, ein Museum und die Firmenzentrale untergebracht. In der Julius Meinl-Akademie werden Workshops angeboten, in denen Barista-Fertigkeiten für den Hausgebrauch erworben werden können.

Als Draufgabe für den weiten Weg hierher gibt es gleich neben dem Meinl das Kongressbad, in Wien liebevoll Konge, Kongerl oder auch Kongo genannt - ein Musterbeispiel der Bäderkultur des Roten Wien. Mit seiner ungewöhnlichen rot-weiß-roten Holzverschalung von außen ein echter Hingucker, im Sommer einen Badebesuch wert. Bereits in den 1930er-Jahren konnte nachts bei Flutlicht in vorgewärmtem Hochquellwasser gebadet werden, es war das größte und modernste Freibad Wiens. Trotz Riesenwasserrutsche immer noch eine weitläufige Insel der Seligen im historischen Ambiente eines wahren Architekturjuwels.

Matteottiplatz, Sanleitenhof und 10er Marie

Ich spaziere durch den Kongresspark zum Matteottiplatz, einem italienisch anmutenden Plätzchen, benannt nach dem italienischen Sozialisten Giacomo Matteotti, dessen Ermordung durch Faschisten im Jahre 1924 als Beginn der Diktatur Musslinis gilt. Hier grenzt der Sandleitenhof an, mit 5000 Wohnungen der größte Gemeindebau des kommunalen Wiener Wohnbaus. Wie eine kleine Stadt oder burgähnlich, die Gebäude liegen auf unterschiedlichen Niveaus und sind durch steinerne Treppen verbunden. Hier findet seit 2012 das Kunstfestival SOHO in Ottakring statt. Ende der 1990er-Jahre aus einer Künstlerinitiative im Brunnenviertel gegründet. Workshops, Ausstellungen, Theaterperformances und Konzerte mit beeindruckend großer Beteiligung von Künstlerinnen und Künstlern aus vielen Sparten.

Nach einem Rundgang steige ich für die Rückfahrt bei der Liebknechtgasse in den 10er ein, in nur wenigen Minuten bin ich beim ältesten Heurigen Wiens, der 10er marie.