Loris im Herbst auf einer Parkbank

Loris liebt die Vielseitigkeit am Gehen

In Wien gibt es viel zu entdecken – das weiß auch Loris. Der 27-jährige Raumplanungsstudent, Autor und Lektor behält sein Wissen aber nicht für sich, sondern hat mit dem Projekt Grüngrätzlwege Spazierrouten durch die Stadt entwickelt und dokumentiert.

Wann und wo gehst du zu Fuß?

Ich gehe sowohl im Alltag zu Fuß, meistens in Kombination mit öffentlichen Verkehrsmitteln, als auch bewusst zum Spazieren, Entdecken oder einfach so, weil’s Freude macht. Manchmal alleine, manchmal zu zweit oder mehrt.

Was unterscheidet Zu-Fuß-Gehen für dich von anderen Arten der Fortbewegung?

Meine Lieblingsverkehrsmittel waren immer schon das Zu-Fuß-Gehen und der öffentliche Verkehr, egal ob in Wien oder auf Reisen. Diese beiden Arten des Vorankommens lassen sich gut kombinieren, um neue Orte zu entdecken, auch weil sie eine gewisse Gegensätzlichkeit haben. Man kann z.B. mit Tram und Bus gezielt eine Linie befahren, dann aussteigen und spontan zu Fuß irgendwohin drauflosgehen. Auch in anderen Städten und Ländern, manchmal mit Stadtplan, manchmal einfach der Nase nach.

Beim Gehen mag ich gern, dass ich jederzeit kleine Umwege machen kann. Dann entdecke ich vielleicht, dass eine Gasse ganz anders ausschaut als die nächste parallel dazu. Ich bekomme so ein ganz anderes Bild von einem Viertel, als wenn ich mit einem anderen Verkehrsmittel nur durchfahre. Zu Fuß geht das Entdecken einfach am besten.

Loris im Park

© Loris Knoll

Was ist für dich das Schöne am Gehen?

Die Vielseitigkeit. Ich kann jederzeit stehenbleiben und die Umgebung in allen Details wahrnehmen, kann andererseits aber auch in Gedanken oder beim Gehen zu zweit oder mehrt in Gespräche versinken. Natürlich hängt es auch von der Umgebung ab. Ich gehe manchmal auch an Orte, wo das Gehen unüblich wirkt. Mancherorts ist heute noch spürbar, wenn dem Auto zu viel Gewicht in der Stadtplanung gegeben wurde, dort ist es dann meistens weniger schön zu gehen. Da wurde in den letzten Jahren aber zum Glück schon Einiges dazugelernt und korrigiert. Das Zu-Fuß-Gehen sollte einfach überall problemlos möglich sein.

Ist dir mal etwas Lustiges beim Gehen passiert?

Mich amüsieren immer wieder Begegnungen mit umherziehenden Tieren mitten in der Stadt, z.B. je nach Tageszeit Katzen, Marder oder Dachse. Aber wer sich auch von vermeintlichen Kleinigkeiten faszinieren lässt, findet immer was Spannendes, gerade wenn man das gewohnte Umfeld verlässt oder zu anderen Tages- oder Jahreszeiten als gewohnt auf einmal ganz andere Lichtstimmungen erlebt. Nach Einbruch der Dunkelheit von einem Hügel hinunterzuschauen, ergibt plötzlich ein ganz anderes Bild als am Tag, weil man durch die Straßenbeleuchtungen den Verlauf der einzelnen Gassen hervorgehoben sieht, quasi eine Art Entdeckung aus der Ferne.

Aussicht von der Jubiläumswarte auf die Stadt

Aussicht von der Jubiläumswarte (© Loris Knoll)

Hast du einen Lieblingsort in der Stadt, zu dem du immer wieder gehst?

Da gibt es viele, zum Beispiel die Windmühlhöhe zwischen Währing und Döbling stellvertrend für die vielen Plätze mit Aussicht über die Stadt. So gern ich auch neue Gebiete entdecke, so gern gehe ich ab und zu auch am Abend, wenn ich davor lange am Computer zu tun habe, eine gewohnte, gleiche Häuserblockrunde in meinem Wohnviertel. Wenn ein Weg abwechslungsreich ist, kann ich ihn noch so oft gehen, ohne dass er mir langweilig wird.

Bei manchen Plätzen denke ich mir manchmal: Warum bin ich nicht öfter hier? Zum Beispiel das Rosental in Penzing oder das Gütenbachtal in Liesing. Auch Teile der Seestadt schätze ich sehr. Aber vielleicht macht mir das diese Orte ja gerade deshalb so sympathisch, wenn man nicht so oft dort ist und sich dann besonders freut. Es gibt auch Orte, zu denen ich immer wieder aus Neugier gehe, weil es spannend ist, zu sehen, wie sie sich verändern, zum Beispiel das Gasometervorfeld in Simmering oder das Nordbahnviertel.

Was sind die Grüngrätzlwege und wie ist die Idee dazu entstanden?

Die Grüngrätzlwege sind Spazierrouten durch Wien, die durch Grätzl, Gassen, Parks, Waldstücke und andere Orte führen, die man üblicherweise noch nie besucht oder gekannt hat. Es sind vier, demnächst fünf, Rundwege durch die ganze Stadt, wobei sie jeweils auf Etappen in angenehmer Spazierlänge aufgeteilt sind. Die Wegbeschreibungen und Pläne sind auf der Website der Grüngrätzlwege zu finden und mit allerlei Zusatzinformationen oder Filtermöglichkeiten bestückt, je nachdem, worauf man gerade Lust hat.

Die Idee kam mir schon vor einigen Jahren einfach deshalb, da ich schon lange gerne durch die Stadt spaziere. Die diversen interessanten, versteckten Plätze, auf die ich gestoßen bin, wollte ich irgendwann nicht mehr für mich behalten. Und es mir Spaß macht, das aufzubereiten und mit anderen Menschen zu teilen. Dazu kam, dass ich die offiziellen Wanderwege der Stadt, die ich übrigens ebenfalls empfehlen kann, schon kannte. So habe ich dann im Lauf der Jahre die Grüngrätzlwege erstellt. Sie führen nicht nur durch Grünflächen, sondern auch immer wieder mitten durch Stadtviertel, etc., wodurch man ganz andere Aspekte der Stadt zu Gesicht bekommt.

Was ich von Wien damit alles zeigen kann, ist mir selbst erst  im Laufe der Jahre bewusst geworden. Zu Beginn habe ich vornehmlich Punkte verbunden, später das aber weiterentwickelt. Jetzt versuche ich, dass die Wege in ihrem gesamten Verlauf durchwegs möglichst interessant sind. Der Fokus liegt schon auf Plätzen und Gegenden, deren Besuch Freude macht. Aber zwischendurch werden die sogenannten schönen Orte auch kombiniert mit starken Kontrasten, Industrieflächen, Skurrilitäten, städtebaulichen Fehlern und deren Behebung. Das Ziel ist also einfach, möglichst viele der unzähligen Facetten von Wien zu zeigen.

Nordbahnviertel

Nordbahnviertel (© Loris Knoll)

Die Grüngrätzlwege gibt es bereits seit 2008. Wie hat sich die Stadt seither verändert und welche Auswirkungen hat das auf das Projekt?

Das ist wirklich interessant. Je nach Grätzl und Gegend gibt es hierzu sehr unterschiedliche Entwicklungen. An manchen Orten hat sich in all den Jahren überhaupt nichts verändert, andere Stellen sind hingegen nicht mehr wiederzuerkennen. Beispielsweise sind manche ehemaligen Ackerflächen inzwischen zu bewohnten Stadtvierteln geworden. Woanders gibt es vormals unzugängliche Brachflächen oder ehemalige Industrieflächen, die heute zu einem neuen Park oder anderen Erholungsgebiet geworden sind. Auch im Straßenraum ändert sich immer wieder etwas, etwa wenn durch eine neue Fußgängerzone plötzlich auch die Straße in der Mitte begangen und neu wahrgenommen werden kann.

Immer wenn sich in einem Gebiet Veränderungen anbahnen, behalte ich die Entwicklungen im Auge, um den Verlauf der Grüngrätzlwege gegebenenfalls anzupassen. Ich führe die Wege dann auch bewusst an veränderte Orte. So wie die Stadt im Wandel ist, bewegen sich auch die Grüngrätzlwege immer ein bisschen mit.

Stell dir vor: Du triffst eine Person, die bisher nur wenige Schritte täglich zurücklegt und nun mehr gehen will. Hast du Tipps für sie, was sie am besten tun soll?

Natürlich die Grüngrätzlwege gehen. 😉 Ich höre immer wieder, dass die Entdeckung neuer Grätzl viele Menschen durchaus überrascht und zusätzliche Motivation zum Gehen bringt. Aber es gibt natürlich auch viele andere Möglichkeiten, zum Beispiel im Alltag ein paar Stationen früher aus der Straßenbahn auszusteigen und den Rest zu gehen. Oder bei Erledigungen zuerst am Stadtplan zu schauen, ob man vielleicht sogar zu Fuß schneller an sein Ziel kommt.

1 Kommentar

Monika sagte am 13.11.2020, 09:52:
Ich finde es super und bin ganz eins mit Loris, was das Entdecken einer Stadt beim Gehen betrifft. Ich mache es genau so und liebe es verschiedene Grätzl beim Spazieren kennenzulernen. Die Grüngrätzelwege werd ich mir auf jeden Fall anschauen. Vielen Dank für die tollen Tips!!
Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.