Beim Zu-Fuß-Gehen regnen Glückshormone auf Mirjana

Als Mirjana in den letzten Jahren ein neues Handy bekommen hat, hat sie die Wien zu Fuß-App als eine der ersten Apps am neuen Gerät installiert. Aus gesundheitlichen Gründen hatte sie ursprünglich begonnen, mehr Bewegung zu machen. Heute kann sich die leidenschaftliche Fußgängerin das gar nicht mehr anders vorstellen. Im Interview erzählt sie von ihrer Leidenschaft sowie ihrer Gesundheit und philosophiert über das Zu-Fuß-Gehen als Lebensmotto.

Bewegung als Therapie

Wie bist du zum Zu-Fuß-Gehen gekommen?

Heute liebe ich spazieren gehen und walken, aber ich habe das leider erst entdeckt, als ich krank wurde. Früher bin ich nebenbei gegangen, aber nur diese kurze Alltagsbewegung. Meine erste Erkrankung war ein Herzinfarkt mit Herzstillstand und Wiederbelebung vor 7 Jahren. Danach habe ich angefangen, in der Bewegung eine Art Therapie zu sehen. Dabei ist es für mich egal, ob ich irgendwo im Wald oder in der Stadt bin, Hauptsache zu Fuß. Ich schaue, dass ich täglich auf diese empfohlenen 10.000 Schritte komme. Dafür steig ich dann eine Station früher aus oder gehe eine Strecke zu Fuß, statt überhaupt in den Zug einzusteigen.

Und letztes Jahr im Winter hatte ich eine Brustkrebserkrankung, da bin ich auch zu Fuß gegangen. Und das Gehen war wirklich so schön: Ich hatte Termine gleich in der Früh und bin dann auch immer eine kurze Strecke hin zu Fuß gegangen und danach wieder. Die Bewegung hilft mir auch in meinem Alltag, weil ich dann wieder klare Gedanken fassen kann.

Foto: Österreichische Krebshilfe | Face it with a Smile | Fotografin: Sabine Hauswirth

Lass uns zuerst noch über die Zeit vor sieben Jahren und deinen Herzinfarkt reden. War es deine Idee mehr zu Fuß zu gehen oder wurde dir das von Ärzt:innen empfohlen? 

Als ich mich ein bisschen erholt hatte, habe ich angefangen in der Stadt zu spazieren. Weil mein Infarkt im Urlaub in Kroatien war, musste ich viele Dokumente übersetzen lassen. Dieses Übersetzungsbüro war in der Nähe vom Belvedere und dann habe ich versucht, dort gleich eine Stunde spazieren zu gehen. Und so hab ich versucht, täglich eine Stunde Bewegung zu machen, bis es geheißen hat, dass es einen kleinen gesundheitlichen Rückschlag gibt und ich wieder das Bett hüten muss. Nach ca. zwei Monaten war ich dann auf Reha, und dabei hat sich herausgestellt, dass Ergometer fahren gar nicht meins ist, weil ich es hasse, dass ich die ganze Zeit auf der Stelle trete und nicht vorwärts komme. Aber das Wandern, das dort als Therapie angeboten wurde, hat mir gut getan. Ich habe herausgefunden, dass ich danach einfach voller Endorphine bin. Und so habe ich beschlossen, Zu-Fuß-Gehen in meinen Alltag zu integrieren.

Ab dann habe ich wirklich zweimal in der Woche meine Stöcke genommen und bin Richtung Schlosspark Schönbrunn gegangen, weil ich in Meidling wohne. Irgendwann hab ich das dann auch schleifen lassen, und bin nicht mehr wirklich regelmäßig gegangen. Aber als ich 2018 aufgehört habe zu rauchen, habe ich meine ominösen Stöcke wieder genommen. Und dann bin ich wirklich so schnell gegangen, wie ich konnte. Und wenn ich nach 5 Kilometern nach Hause gekommen bin, war ich wirklich so ausgepowered, dass ich nicht mehr an die Gedanken zu Zigaretten kam. Und die Bewegung hat mich immer mehr angespornt, Nichtraucherin zu bleiben. Also ich habe mir den Belohnungseffekt durch die Bewegung geholt.

Wie hat sich die Krebsdiagnose letztes Jahr auf deine Bewegung ausgewirkt?

Seit 2019 bin ich Mitglied in einem Fitnesscenter, wo ich vor der Pandemie auch regelmäßig zwei- oder dreimal in der Woche hingegangen bin. Denn bei einer chronischen Herzerkrankung ist nicht nur Ausdauertraining, sondern auch Krafttraining wichtig. Und an den anderen drei Tagen, war ich draußen unterwegs. Am Sonntag schaue ich nämlich, dass mein Ruhetag ist. Wenn ich den nicht einhalte, geht’s mir nach 15 Tagen schlecht. Bis zur Pandemie hat dieser Rhythmus sehr gut funktioniert, danach war das Fitnesscenter ja auch nicht durchgängig offen. Aber bis zur Krebserkrankung bin ich schon regelmäßig hingegangen. Und mit dem Krebs und den beiden OPs musste ich mich zuerst einmal schonen. Und mittlerweile schaffe ich es nur einmal in der Woche ins Fitnesscenter, wenn überhaupt, also wenn ich körperlich nicht zu erschöpft bin. Denn wenn ich mich entscheiden muss zwischen einem Training im Studio und draußen spazieren zu gehen, gehe ich immer lieber nach draußen, weil mir das am meisten wohl tut.

„Es gibt kein schlechtes Wetter“

Als du zu deiner Strahlentherapie zu Fuß gegangen bist, war ja Winter. Ist es für dich egal, welche Jahreszeit gerade ist, wenn du nach draußen gehst? 

Ich liebe den Winter, im Sommer ist mir immer etwas zu warm. Wenn es draußen -10° hat und die Sonne scheint, ist das mein Lieblingswetter. Das habe ich mir auch aus der Reha mitgenommen, dass es kein schlechtes Wetter gibt. Dieses Sprichwort stimmt tatsächlich: Wenn ich mich gut anziehe, dann stört es mich nicht, wenn es draußen regnet oder schneit. Sobald ich gute Schuhe, eine gute Jacke und eine gute Haube habe, kümmert es mich nicht, ob es regnet oder schneit.

Mirjana auf der Meidlinger Hauptstraße (Foto: zVg)

Wo bist du denn zu Fuß in Wien unterwegs?

Je nachdem, wo ich hin muss. Wenn ich gezielt spazieren oder walken gehe, dann meist bei mir in der Gegend, also in Meidling. Die Meidlinger Hauptstraße war während der Pandemie mein Lieblingsziel, mit einer Runde von der Wohnung dorthin, hatte ich schon 5.000 Schritte erreicht, den Rest habe ich dann einfach in der Wohnung gemacht. Dann bin ich natürlich in Schönbrunn unterwegs oder, wenn ich zu Ärzt:innen gehen muss, auf der Mariahilferstraße oder auch beim Hanusch-Krankenhaus. Und worauf ich mich jetzt besonders freue, ist die Seestadt. Dort werde ich nächstes Jahr hinziehen. Und jetzt freue ich mich, dass ich den anderen Teil von Wien entdecken kann. Derzeit ist es so, dass mir die Wege dorthin zu weit sind. Wenn ich 30-45 Minuten hinfahre, dann ein oder zwei Stunden spazieren gehe und dann wieder eine knappe Stunde nach Hause fahre, das ermüdet mich zu sehr. Das ist dann keine Erholung mehr, sondern eine Belastung. Aber wenn ich dort wohne, freue ich mich darauf, dass ich meine Stöcke nehmen und eine Runde um den See drehen kann.

Ein Schritt nach dem anderen

Du hast vorher gesagt, dass dir das Gehen hilft, klare Gedanken zu fassen. Kannst du genauer erklären, wie das für dich funktioniert?

Also ich zu rauchen aufgehört habe, habe ich zu Hause viel gegrübelt. Und wenn ich draußen an der frischen Luft war, ist mir aufgefallen, dass man gar nicht so viel nachdenkt, wenn man sich bewegt, sondern man sieht vielleicht etwas oder man beschäftigt sich damit. Das kann ein interessantes Haus sein oder die Eichkätzchen in Schönbrunn. Wenn man wirklich geht und sich von nichts ablenken lässt, dann sind die Gedanken ganz klar. Es gibt für mich einen Unterschied ob ich mit Musik in den Ohren laufe oder ohne Musik. Ohne Musik ist es wirklich  so befreiend für mich. Dann ist Gehen wie Stricken, was ich auch gern mache. Beim Stricken musst du einfach nur die Maschen aneinanderreihen und beim Gehen musst du einfach nur die Schritte aneinanderreihen. Das hat mir jetzt auch geholfen, mein Leben ein bisschen zurückzuschrauben und nicht 5.000 Schritte im Voraus zu denken, sondern wirklich nur den nächsten Schritt.

Mirjana in Schönbrunn (Foto: zVg)

Das Bild lässt sich wunderbar mit dem Gehen in Verbindung bringen. Was kümmert mich, was übermorgen oder nächste Woche oder nächsten Monat ist, wenn’s nur ums Jetzt, um heute und vielleicht auch um Morgen geht. Früher hat mich der Satz „Was ist in fünf Jahren“ überfordert, heute kann ich ihn nicht ausstehen, weil ich weiß nicht, ob ich morgen aus dem Bett aufstehe. Also diese Geschichte mit meiner Wiederbelebung, das war, dass ich in der Früh aufgestanden bin, in der Stadt war und alles super war, und am Nachmittag wurde ich wiederbelebt. Und dieses Bild habe ich mir vom Zu-Fuß-Gehen genommen – ein Schritt nach dem anderen.

Auch bei meiner Krebserkrankung war es so, dass ich meine Ärztin gefragt habe, was kommt danach. Und sie hat gemeint: „Das lassen wir jetzt sein. Wir haben nur den nächsten Schritt im Auge, und danach sehen wir weiter.“ Und das erdet. Auch beim Zu-Fuß-Gehen kannst du bildlich gesprochen, nicht 5.000 Schritte überspringen. Und ich will auch keine fünf Jahre überspringen, sondern ich will diese fünf Jahre erleben und mich nicht zu sehr ablenken lassen. Weil jetzt hier zu sein, ist das, was wir überhaupt haben. Und beim Gehen ist es auch so. Und dieser Gedanke befreit mich.

„Dann bin ich stolz auf mich“

Ich habe auf Instagram gesehen, dass du unsere Wien zu Fuß-App nutzt. Was magst Du daran?

Ich bin seit dem ersten Tag in diese App verliebt und noch mehr, seit sie mit der Gesundheits-App vom iPhone konfiguriert ist und daher jeden Schritt mitmacht. Für mich ist es ein bisschen ein Ansporn zu sehen, wo stehe ich im Bezirk und wienweit stehe. Wenn ich dann sehe, dass ich an vierter oder fünfter oder sechster Stelle im Bezirk bin oder wienweit auf Platz 100 oder 200, dann bin ich stolz auf mich, dass ich mich auch krank noch bewege und ganz gut unterwegs bin. Außerdem gibt mir die App die Möglichkeit, mich wirklich täglich zu verfolgen. Ich schätze, ich habe die App seit fünf oder sechs Jahren, und ich weiß, dass ich zweimal in der Zeit mein Handy gewechselt habe. Und die Wien zu Fuß-App war immer die erste App, die ich wieder im neuen Gerät sofort installiert habe. Ich schaue auch mindestens einmal in der Woche rein.

Bezirksranking in der Wien zu Fuß-App (Foto: Christian Fürthner)

Abschließende Frage: Wenn du eine Person triffst, die das auch gern möchte, welche Tipps hast du für sie? 

Es sind die obligatorischen Tipps, die man sonst auch hört. Man muss sich das wirklich nur angewöhnen, also eine oder zwei Stationen früher auszusteigen. Oder wenn man gerne irgendwo nur spazieren gehen will: Fang klein an! Überfordere dich nicht! Man muss nicht sofort am ersten Tag 5 km gehen, geh 500 Schritte, geh 1.000 Schritte, geh 2.000 Schritte! Das wichtigste ist, dass man anfängt. Denn wenn man anfängt, dann fehlt einem etwas, wenn man es nicht mehr tut.

Wichtig ist, dass man einfach anfängt und dann sieht, wie viel Spaß es einem macht. Es ist auf jeden Fall so, dass es eben befreit und dass man das wirklich lernen kann. Und es ist so schön, wenn dann diese ganzen Glückshormone für einen regnen. Also bei mir ist es so, dass ich mich fühle, als hätte ich wirklich ganz Großes geleistet. Und dann bin ich wirklich glücklich und zufrieden, danach kann ich mich auf die Couch hinsetzen und einen Kaffee trinken. Dann bin ich wirklich befriedigt.

Auf influcancer.com und auf Instagram unter @das_arschloch_in_mir_war_krebs erzählt Mirjana über die Erlebnissen, die eine Krebserkrankung begleiten.

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