Man lernt nicht nur in der Schule. Auch auf dem Weg dorthin.

Am 7. September startet für Doris‘ Tochter Marie ein neuer Lebensabschnitt: Sie kommt in die Volksschule. Wie tausende andere Taferlklassler in Wien lernt sie ab Anfang September Lesen, Schreiben und Rechnen. Noch ein Thema steht auf dem Stundenplan der Kinder – und dem vieler Eltern: Der Schulweg.

Zu Fuß, mit dem Rad, dem Auto oder doch mit den Öffis? Wie bringe ich mein Kind zur Schule und wer holt es wieder ab? Wie kommt mein Kind sicher in der Schule an? Ab wann kann das Kind den Schulweg alleine meistern? Viele Erziehungsberechtigte stellen sich in diesen Tagen Fragen rund um das Thema Schulweg. Doris und Marie haben uns ihren Schulweg-Plan verraten.

„Mama, beim Zu-Fuß-Gehen kann ich mit dir reden. Das ist viel netter.“

Marie wünscht sich, dass ihre Eltern mit ihr zur Schule gehen. Die fast 6-Jährige erkennt die „Qualitytime“, die der Schulweg bieten kann. „Wir haben mit Marie schon über den Schulweg geredet und uns auch die Strecke mit ihr angeschaut“, erklärt Doris. Sie und ihr Mann haben bewusst eine Schule in der Nähe ihrer Wohnung ausgesucht. „Ein Erwachsener braucht etwa sieben Minuten zu Fuß für die Strecke, zwei Straßen müssen überquert werden und es ist schon auch ein Stück entlang einer stark befahrenen Strecke dabei.“ Zur Hilfe haben Doris und ihr Mann sich auch den Schulwegplan der Stadt Wien angesehen. Um mehr Sicherheit auf dem Schulweg zu gewährleisten, hat die Stadt Wien, gemeinsam mit der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt – Landesstelle Wien, für alle Wiener Gemeindebezirke Schulwegpläne erstellt, die als Download zur Verfügung stehen.

Das Üben ist auch Teil von Doris „Schulweg-Plan“. „Am ersten Tag bringe ich sie ins Klassenzimmer, am zweiten Tag vor die Schule und dann möchte ich die Strecke, die sie alleine geht, schrittweise verlängern“, erklärt die ausgebildete Elementar- und Umweltpädagogin. „Ich will, dass Marie bald alleine zur Schule gehen kann.“

Man lernt nicht nur in der Schule, sondern auch auf dem Weg dorthin. Der Schulweg macht schlau und steigert das Selbstvertrauen

Auch ExpertInnen raten zu einem „aktiven“ Schulweg. Also einem Schulweg zu Fuß oder mit dem Rad. Sowohl Körper als auch Geist profitieren von der täglichen Bewegung.

Dr. Katharina Turecek, Medizinerin und Kognitionswissenschafterin erklärt: „Damit unser Gehirn fit und gesund bleibt, braucht es sowohl körperliche als auch geistige Aktivität. Bewegung hat sowohl kurz- als auch langfristige Auswirkungen auf das Gehirn. Unmittelbare Effekte des aktiven Schulwegs sind eine erhöhte Aufnahmebereitschaft und Konzentrationsfähigkeit. Kinder, die zu Fuß in die Schule gehen, starten aktiviert und aufmerksam in den Schultag. Langfristig profitieren Kinder, die den Schulweg zu Fuß oder mit dem Rad zurücklegen, von einer erhöhten körperlichen und geistigen Fitness. Bewegung stärkt Lernfähigkeit und Gedächtnis und das wirkt sich positiv auf die Schulleistung aus.“ mehr: Wer GEHT in die Schule? Wie Bewegung das Gehirn fit macht.

Auch zu mehr Selbstvertrauen trägt ein alleine gemeisterter Schulweg bei. “Erfolgserlebnisse steigern das Selbstvertrauen des Kindes und heben sein Selbstwertgefühl. Das wirkt sich auf das gesamte spätere Leben aus”, sagt  ÖAMTC- Verkehrspsychologin Marion Seidenberger.

Doris kann bestätigen, dass ein Kind, das eine Aufgabe alleine zu bewältigen lernt, an dieser Aufgabe wächst. „Im Sommer habe ich Marie das erste Mal alleine zum Bäcker im Nachbarhaus geschickt um Brot zu kaufen“, erzählt Doris und strahlt: „Ich hab meine Tochter selten so stolz gesehen, wie in dem Moment, als sie mit dem frischen Brot in der Hand in der Küche stand.“ Dieses Selbstvertrauen soll Marie auch durch das selbstständige Bewältigen des Schulwegs bekommen.

„Kinder in Wien sollen mehr zu Fuß gehen.“

Etwa 20 Prozent der Volksschulkinder in Wien werden mit dem Auto zur Schule gebracht. Ein Nachteil, weiß Petra Jens, Beauftragte für FußgängerInnen: „Sicherheit erlangen Kinder, wenn sie möglichst oft zu Fuß unterwegs sind – anfangs in Begleitung, später alleine. Nur so können sie lernen, sich im Straßenraum richtig zu verhalten.“

Für den Mobilitätsreport 2019 wurden Eltern über die Schulwege ihrer Kinder befragt. Der Aussage „Kinder in Wien sollen mehr zu Fuß gehen.“ stimmten 85 Prozent der Befragten zu. Der Schulweg ist wohl der wichtigste Weg, den Kinder zurücklegen.

„Mütter und Väter fordern sichere Geh- und Radwege für ihre Kinder, damit sie diese auch zu Fuß oder mit dem Rad zur Schule schicken können“, so  Petra Jens, Fußverkehrsbeauftragte. Die Stadt Wien setzt zahlreiche Maßnahmen, um die Schulwegsicherheit zu erhöhen. In Wien setzen sich Tempo 30 Zonen vor Schulen immer mehr durch. Darüber hinaus werden laufend Schulvorplätze kinderfreundlich gestaltet und Schulstraßen umgesetzt.

Leichtfertig trifft Doris ihre Entscheidung nicht. Doch sie und ihr Mann werden an ihrem Plan festhalten und mit Marie zu Fuß zur Schule gehen. „Außer wenn wir verschlafen, dann setz ich Marie und ihren kleinen Bruder ins Lastenrad und fahre sie in den Kindergarten und in die Schule“, lacht Doris.

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